Viel zu tun für die deutsche E-Government-Forschung
Wissenschaftler der WWU Münster und der TU München entwerfen Handlungsempfehlungen für die deutsche Forschung zur prozessorientierten Verwaltung
02.08.2011

Im Auftrag des Bundesministeriums des Innern haben Wissenschaftler des European Research Center for Information Systems der WWU Münster und des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik I17 der TU München eine Studie zum Forschungsstand der prozessorientierten Verwaltung in Deutschland verfasst, die jetzt veröffentlicht wurde. Seit Ende 2010 werteten die Forscher Daten aus und identifizierten so 14 Forschungslücken, für die sie konkrete Handlungsempfehlungen entwickelt haben.

„Der Weg zu einer ganzheitlichen prozessorientierten Verwaltung ist noch weit“, stellen die Wissenschaftler in ihrer Studie „Forschungslandkarte ‚Prozessorientierte Verwaltung‘“ fest. Die Auswertung von 155 Forschungsergebnissen aus den letzten zehn Jahren ergab zum Teil große Defizite – sowohl die Ergebnisse betreffend als auch in der Art wie Forschungsprojekte durchgeführt werden. So ist eines der Hauptprobleme die mangelnde Vernetzung zwischen Wissenschaftlern. Bei der Bearbeitung von Fragestellungen findet kaum Kooperation zwischen Forschungsinstitutionen statt, sodass Synergiepotenziale häufig ungenutzt bleiben. Darüber hinaus kritisiert die Studie, dass in vielen Projekten zur prozessorientierten Verwaltung das Rad immer wieder neu erfunden wird, anstatt auf Lösungen zurückzugreifen, die sich bereits bewährt haben.

Im Rahmen der Analyse der 155 Forschungsergebnisse konnten 14 Forschungsfelder identifiziert werden, innerhalb derer sich die Forschungslücken der prozessorientierten Verwaltung strukturieren lassen und die Basis der Handlungsempfehlungen dieser Studie sind. Im Einzelnen sind dies:

  1. Die Forschungsinstitutionen, die im Themenfeld Prozessorientierte Verwaltung arbeiten, sind stärker miteinander vernetzt werden.
  2. Theoretische Grundlagen zur prozessorientierten Verwaltung sind vertiefend zu erforschen.
  3. Die Forschung konzentriert sich derzeit vornehmlich auf die Entwicklung von Ergebnissen, jedoch nicht auf deren Anwendung.
  4. Forschungsergebnisse sollten stärker wiederverwendet werden.
  5. Forschungsprojekte nutzen oder entwickeln kaum Standards und dienen kaum der Harmonisierung.
  6. Es bedarf zusätzlicher Arbeiten zur Entwicklung standardisierter, durchgängiger Prozessketten zwischen den Verwaltungen und weiteren Akteuren.
  7. Spezifika der Schnittstellen zu spezifischen Akteuren innerhalb und außerhalb der Verwaltung sollten erarbeitet werden.
  8. Wird Prozessmanagement in den Verwaltungen durchgeführt, fehlt es noch an langfristiger und kontinuierlicher Etablierung.
  9. Die Finanzflusssicht innerhalb der Prozesse sollte stärker im Fokus der Prozessmanager rücken.
  10. Rechtliche Aspekte in den Verwaltungsprozessen sollten im Prozessmanagement vertiefend betrachtet werden.
  11. Prozessmanagement in öffentlichen Verwaltungen wird derzeit kaum zum Managen der Risiken innerhalb und im Einflussbereich der Verwaltungen genutzt.
  12. Prozessmanagement bzw. das Anwerben von Prozessmanagern sollte zukünftig eine wichtigere Rolle für den Arbeitsmarkt der öffentlichen Verwaltungen spielen.
  13. Die Möglichkeit, gut organisierte und gesteuerte Prozesse als einen Wettbewerbsvorteil einer öffentlichen Verwaltung zu vermarkten, sollte stärker genutzt werden.
  14. Die Erfolgswirkung der Prozessorientierung, insbesondere im Hinblick auf die Akzeptanz der neuen Prozesse und Abläufe bezüglich der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und der Bürgerinnen und Bürger, sollte mehr berücksichtigt werden.

Als Instrument zur Datenanalyse wurde die Forschungslandkarte „Prozessorientierte Verwaltung“ eingesetzt. Sie ist eine browserbasierte Software, in der die Forschungsergebnisse zur prozessorientierten Verwaltung strukturiert gespeichert werden. Auf einer interaktiven Landkarte wird angezeigt, an welchen Standorten zu welchen Themen geforscht und entwickelt wird. Das Besondere an der Forschungslandkarte ist die Einbindung der Forschungsgemeinschaft. Forscher, die im Bereich der prozessorientierten Verwaltung arbeiten, wurden eingeladen, Ergebnisse zu vervollständigen sowie neue hinzuzufügen.

Die Studie ist als PDF unter http://prove.yourresearchportal.com/de/news/studie-forschungslandkarte-prove verfügbar, die interaktive Forschungslandkarte unter http://prove.yourresearchportal.com/de.